Motorrad-Reisen und -Touren

Tag 32 – Artikularkirchen, die Zweite

4. August – 309 km von Sliač nach Trojanovice

Heute vor einem Monat bin ich losgefahren. Kommt mir ehrlicherweise gar nicht so lang vor.

Zeit für ein kleines Zwischenfazit: Lohnt. Sehr sogar. Habe schon viel gesehen, erlebt und das Muffensausen ist auch weg. So Kleinigkeiten wie kaputte Reifen, mit kindskopfgrossen Steinen „beworfen“ zu werden oder der noch nicht übersetzte Führerausweis für den Grenzübertritt zu Russland bringen mich nicht mehr aus der Ruhe. Wird sicher auch noch irgendwie klappen.

Ansonsten eine interessante Erkenntnis mehr: Wenn wir in uns in unseren „normalen Verhältnissen“ über nicht Funktionierendes aufregen, dann jammern wir auf verdammt hohem Niveau. Um ein paar Beispiele zu nennen, ich bin zumindest sehr froh,

  • dass ich nicht meine eigene Bettwäsche ins Krankenhaus mitbringen müsste, ich nicht dem Arzt einen Briefumschlag für die Behandlung zukommen lassen muss und dass unser Krankenhausessen zumindest essbar ist und ich nicht etwa besser eigenes Essen mitbringe (Ungarn)
  • dass es überhaupt ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt, in dem man ärztliche Behandlung auch im Notfall innerhalb kürzester Zeit erhält (Bulgarien, Rumänien, Serbien)
  • dass ich mich nicht vor Landminen fürchten muss (Serbien)
  • dass ich als Fussgänger in der Regel auf einem Gehweg gehen kann und nicht auf der Strasse von Kamikaze-Autofahrern umgefahren werde (nahezu alle Länder, die ich bisher bereist habe)

So. Und nun weiter im Text.

GleicP1030249h neben der Pension war eine dieser Lautsprecheranlagen auf einem öfffentlichen Gebäude untergebracht. Die sah jetzt wirklich mal up to date aus. Später am Tag wusste ich dann bestimmt, dass die nicht aus dem Kalten Krieg übrig geblieben sind. Ich habe nämlich im Vorbeifahren Stimmen gehört. Ich bin sicher ein wenig verrückt, aber so verrückt bin ich nicht und siehe da: Die Lautsprecher sprachen. Verstanden habe ich nichts, aber den lauschenden Anwohnern nach zu urteilen, hatten sie was zu sagen. Scheinbar die moderne Form des in meiner Kindheit — die schon ein Weilchen her ist — mit dem Velo durch meinen Herkunftsort Minheim fahrenden Menschen, der die aktuellen Nachrichten vortrug.

P1030256Heute nochmal Kulturtag mit zwei weiteren Holzkirchen: Leštiny, und Tvrdošín. Lagen quasi auf dem Weg nach Prag. Erstere war recht leicht zu finden, dafür auch eher unspektakulär. Letztere war ziemlich gut versteckt. An jedem Ortseingangsschild ein Hinweis: UNESCO-Welterbedenkmal 2 km. Aber nach 2 km: Nichts. Also mal aufs Gratewohl in den Ort rein. Nichts. Leute fragen kommt aus zwei Gründen nicht in Frage: Erstens: So’n Männerding. Männer fragen nicht nach dem Weg. Zweitens: Selbst wenn ich gefragt hätte: Meine Erfahrungen sagen mir, dass ich mit Englisch nicht sehr weit komme. Falls ich verstanden worden wäre, die Antwort wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Also  die offizielle Website des Slowakischen Tourismus  besucht von der ich den Tipp hatte. Die sollten es wissen. Ich lande mitten in einem Wohngebiet vor einem Wohnhaus. Ich wollte schon fast aufgeben und hatte mir noch einen Versuch gegeben: Wikipedia. Und siehe da: Die korrekte Adresse liegt 450m neben der von slovakia.travel angegebenen. 450m immer noch im Wohngebiet ist ganz schön viel wenn man die Kirche nicht grade sehen kann. Die korrekte Adrese ist also: 49.336735°, 19.558147°.  Und die stimmt tatsächlich auf den Meter.  Dafür hat sich die Kirche dann auch gelohnt.

P1030296P1030279

Wessen man sich in unseren westeuropäischen Ländern nicht so bewusst ist: Einiges Geld der EU fliesst in die Entwicklung der Osteuropäischen Staaten. Mehr als eine Strasse oder Ort habe ich gesehen, in der ein Schild darauf hinweist, dass dieses oder jenes von der EU (mit)finanziert wurde. Und was ich so beurteilen kann: Es lohnt sich. Würde aber trotzdem gerne wissen, wie das hier vor 20 Jahren ausgesehen hat. Einzig und allein die rumänischen Strassen, die sollten sie lassen. Wenn die in ein paar Jahren so gute Strassen haben wir wir, wo bleibt dann der Spass?

Der geflickte Reifen hält übrigens. Mit dem komme ich sicher locker bis nach Berlin.

 

4 Kommentare

  1. Erik

    Hi Ralf,

    dachte erst Russland ist gestrichen, weil in der Karte deiner Tour vom Anfang der Reise Russland nicht drin war. Aber hattest ja geschrieben – lag wohl am Limit der Wegpunkte.
    Ist das neu das man einen übersetzten Führerschein für Russland braucht ? Bei mir reichte vor paar Jahren noch der Internationale Führerschein. Versicherung fürs Bike brauchte ich auch – gab es damals für 10 Tage und länger (war eh schon teuer genug, also nur 10 Tage genommen). Da mir das Freunde in Finnland gemacht haben, hatten wir keinen Versicherungsstress an der Grenze – kann man aber auch an der Granze machen. Je nachdem über welchen Übergnag Du einreist mehr oder minder chaotisch – am besten früh hinfahren und dann vergeht der Tag schon 😉

    Wurde in Russland nicht mit Steinen beworfen – auch nicht mit kleinen – das risiko von nem Auto gerammt zu warden ist höher …

    Gruss Erik

  2. rtr (Beitrag Autor)

    Jo, das war nur ne komische Darstellung wegen der Wegpunkte. Die Route ist schon noch dieselbe über St. Petersburg zum Nordkapp und dann durch Norwegen runter nach Gibraltar 🙂

    Wenn man einen internationalen Führerschein hat, dann reicht der … 😉

    Wie teuer ist denn die Versicherung gewesen? Und weisst du, wo man die im Vorfeld abschliessen kann?

  3. Erik

    Hallo Ralf,

    Versicherungsinfos und Preise habe ich Dir per e-mail geschickt. War doch billiger als gedacht – aber eben auch 2006. Aber denke je nach Deckung kommst Du mit 100€ für 4 Wochen hin.

    Gruss Erik

  4. rtr (Beitrag Autor)

    Danke!! :). Angekommen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.