Motorrad-Reisen und -Touren

Tag 13 – Der Regen

16. Juli – 241.8 km von Crikvenica nach Sisak

Der Ort ruht still. Kein Lüftchen weht. Tut so, als wäre nichts gewesen. Wenn man nicht weiss, was es gestern noch war, glaubt man nicht, dass der Wind irgendwas gemacht hätte. Linker Hund, dieser Wind.

Beim Zusammenpacken der letzten Habseligkeiten bemerke ich schon, wie ein Zeitgenosse südeuropäischer Herkunft im schwarzen Volvo vor meinem Fenster rückwärts ausparkt und mit laufendem Motor (Diesel) auf dem Parkplatz erstmal die Motorhaube öffnet und damit beginnt, die vom Sturm in den Schlitz zwischen Motor und Frontscheibe hereingewehten Pflanzenteile herauszupicken. Seine blonde Freundin hilft ihm dabei und zeigt ihm ab und an ihre Beute mit spitzen Fingern. Was für ein Schauspiel am frühen Morgen. Ich verlasse aber alsbald meinen Logenplatz und fahre fort mit meinen Abreisevorbereitungen. Als ich rauskomme, stehen die beiden immer noch pickend da. Ich kann mich schweren Herzens losreissen und fange an, aufzusatteln. Kurz bevor ich ca. 10 Minuten später abfahrbereit bin, verlassen die beiden dann auch den Parkplatz. Jetzt kann man sich natürlich fragen: „Was braucht man so lange für ein paar Tannennadeln?“. Aber ich frage nicht. Und wundere mich auch nicht. Stattdessen freue ich mich über die morgendliche Unterhaltung.

Pünktlich zur Abfahrt: Ein paar Regentropfen. Schneller Blick auf die Wettervorhersage zeigt: Kein Regen den ganzen Tag. Passt. Habe nämlich die Regenklamotten in die Taschen verstaut. Das war ein Fehler. Hätte ich wissen müssen: Keine Regenklamotten an, müsste Regen bedeuten.

MoppedparkplatzAls erstes geht es zu einem Supermarkt. Notfallproviant einkaufen. Mit Parkplatz in der Tiefgarage. Morgen ist Sonntag und da will ich nicht ganz ohne Essen da stehen. Nächster Stop: Tankstelle. Tanken und Karte kaufen. Die geht prompt gleich beim Falten für den Tankrucksack erstmal kaputt. An der Falttechnik muss ich noch arbeiten.

Ab in die Berge und die ursprünglichen knapp 20°C schrumpeln schnell auf 9°C zusammen. Stop #1: Fleece Jacke und warme Handschuhe anziehen.

Und dann kam der Regen. Der Himmel in die Richtung in die ich wollte, zeigt ein farbenfrohes Schauspiel in mausgrau, staubgrau, aschgrau, bleigrau, zementgrau und vielen anderen lustigen graus. Also Stop #2: Regenklamotten unterziehen. Und zwar Hose und Jacke. Bei der BMW-Kombi wird die Goretex Schicht nämlich unter die Kombi angezogen. Jetzt stellt man sich das mal vor: Mich am Strassenrand, auf einem Fuss balancierend Seehund-Socken und Goretex Schicht anlegen während ein Bein in und das andere aus der Hose ist. Ich könnte im Zirkus auftreten.

Weiter gehts danach gen Osten. Die Lieblingsgeschwindigkeit der Kroaten ist 40. Vorzugsweise vor Schulen (das verstehe ich ja noch), aber auch vor Kurven in den Bergen. Kurven mit erstklassigem Strassenbelag, die man locker mit 60 oder sogar 80 nehmen könnte. Ich hab ja immer schon gedacht, die Schweizer übertreiben es, aber hier grenzt das schon fast an Schikane. Es wundert mich nicht, dass die meisten Kroaten hier sich einen Sch….eck um die Geschwindigkeitsbeschränkungen kümmern. Die sind einfach nicht realistisch. Ich halte mich weitgehend dran weil ich potentiellen kroatischen Polizisten nicht die Gelegenheit geben will, mich aus dem Verkehr zu ziehen. Komme mir aber dabei vor wie ein Verkehrshindernis — und werde auch reihenweise überholt. Hätt‘ ich auch gemacht, wenn ich Kroate wär.

Etwas, was man in unserer Gegend so gar nicht mehr sieht: Einschusslöcher. Ist hier gar nicht so selten und erschreckt mich immer noch, wenn ich daran denke, dass hier etwas über 20 Jahren noch Krieg war. Scheinbar hats Karlovac heftig getroffen. Daher stammen auch die beiden Bilder von Häusern gleich nebeneinander.

Einschusslöcher 1Einschusslöcher 2
Je weiter ich nach Osten komme merke ich: Wo der Tourismus aufhört, ist der Zerfall der Normalzustand. Unverputzte und/oder verlassen Häuser im Rohbau oder zerfallene Gehöfte Bauruinesind an der Tagesordnung. Teils bewohnt, teils unbewohnt. Teils zerfallen. Selten so viele offensichtlich verwaiste Bauruinen am Stück gesehen. Die, die bewohnt sind haben oft zwar Balkons, aber keine Balkongeländer. So GAR nicht. Das scheint hier ein Luxusgut zu sein.

Hier noch ein Video einer Durchfahrt durch ein Dorf, wo ich’s besonders heftig fand

 

Ansonsten löst sich so langsam mein Notizbuch auf und ich bin froh, als ich endlich in Sisak ankomme. Habe ein günstiges Enduro-GästehausGästehaus gefunden und freue mich auf ein warmes Zimmer. Es scheint, als wäre die Strasse für mich gemacht, die dahin führt. Ein Enduro-Gästehaus quasi. Und es juckt mich ja schon durch diese Strasse zu fahren, auch wenn Einfahrt ausdrücklich verboten ist. Aber morgen ist Sonntag und da wird keiner arbeiten … Mal sehen 😉

Morgen gehts dann wohl bis Serbien weiter. Ich weiss aber nicht so recht, was ich von der Grundsätzlichen Einschätzung des EDA  zu Serbien halten soll:


Das Land kann als stabil bezeichnet werden.

Meiden Sie dennoch Demonstrationen und grössere Menschenansammlungen jeder Art, denn Ausschreitung sind möglich, insbesondere bei Fussballspielen.


Was da noch sonst so drin steht, betrifft erst übermorgen. Darauf gehe ich dann noch ein.

2 Kommentare

  1. Tiru

    Zu den halbfertigen Häusern: zumindest früher war es immer so, dass die jugoslawischen „Gastarbeiter“ in der Heimat Häuser gebaut haben – in jeden Sommerferien ein bißchen weiter. D.h. die Häuser waren über Jahre hinweg im Rohbau – weil immer nur im Urlaub bewohnt & bearbeitet… und ein paar der Häuser aus deinem Video sehen genauso aus. Würde mich also nicht wundern wenn das heute auch noch so ist 🙂

    1. rtr (Beitrag Autor)

      Das könnte es echt erklären :). Und hast du sogar ne Erklärung für die Balkone ohne Geländer?

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